
Unter der Überschrift “Meine Kamera lügt nicht” erschien heute ein von Anke Groenewold verfasster Artikel über meinen Film “Zuletzt befreit mich doch der Tod” in der größten Bielefelder Tageszeitung “Neue Westfälische”. Der Artikel hat folgenden Wortlaut:
“Es war Gwendolins letzter Wunsch. Nach ihrem Tod sollte ‘etwas passieren’ mit ihren Tagebuchaufzeichnungen. Die Bielefelder Dokumentarfilmerin Beate Middeke hat Gwendolin, die sich zuletzt Kay nannte und 2001 im Alter von 25 Jahren in Bielefeld das Leben nahm, beim Wort genommen.
Ihr erschütternder Dokumentarfilm ‘Zuletzt befreit mich doch der Tod’ läuft kommende Woche im Wettbewerb des renommierten Saarbrücker Filmfestivals Max Ophüls Preis. Dass der Film im Wettbewerb läuft, ist an sich schon eine Auszeichnung: Von 202 eingereichten Spiel- und Dokumentarfilmen gelang das nur 15 Werken, darunter sind drei Dokumentarfilme. Das Festival beginnt am kommenden Montag und endet am 20. Januar. Der Ophüls-Preis ist mit 18.000 Euro dotiert.
Über einen Zeitraum von fünf Jahren hat Beate Middeke recherchiert, Gespräche geführt und aufgezeichnet. Ein halbes Jahr dauerte es allein, die 50 Stunden Material auf 76 Minuten zusammenzuschneiden.
‘Ich mache Filme, weil mich die Realität interessiert, und die will ich möglichst authentisch zeigen’, sagt die 41-Jährige. Das kurze Leben Gwendolins so genau wie möglich zu rekonstruieren, war ihr Ziel. Das Schicksal der gebürtigen Rostockerin soll jedoch stellvertretend für die vielen familiären Tragödien und Geschichten von Vernachlässigung und Gewalt stehen und Verständnis wecken für die Situation von Traumatisierten, denn ‘das Trauma hört nicht auf, wenn wir den Ort des Grauens verlassen haben – es lebt in einem weiter’, sagt Middeke.
Dieser Ansatz bestimmte auch die Komposition der Dokumentation. Sie ist radikal und mutig und hebt sich stark ab vom Schema, das im Fernsehen gepflegt wird. Beate Middeke lehnt es ab, ‘Grauen mit Grauen darzustellen’ und verzichtet daher auf jegliche Dramatisierung: Es gibt weder nachgestellte Szenen, noch die Spurensuche an Originalschauplätzen, noch den Schwenk durchs Fotoalbum. Gwendolin bleibt unsichtbar und erscheint nur im Spiegel ihrer eigenen (Tagebuch-)Worte und der Erinnerungen von Menschen, die sie kannten: Mutter, Stiefvater, Geschwister, Psychologen, Schulfreunde. ‘Ich wollte den Film klaustrophobisch gestalten und den Zuschauern keine Ausblicke gewähren. Sie sollen sich nicht entziehen können.’ Der Plan geht auf. Die sachliche, raffiniert geschnittene, puristische O-Ton-Konstruktion ist dicht und kraftvoll.
Die Strenge zwingt, genau hinzuhören, aber auch hinzuschauen und auf die verräterische Körpersprache zu achten. ‘Man sieht, wenn jemand schluckt. Meine Kamera lügt nicht’, sagt Beate Middeke, die einen Lehrauftrag für Dokumentarfilm an der FH Bielefeld hat.
So stellte sich Gwendolins Mutter den Fragen und enthüllt mit ihrer Mischung aus Selbstmitleid, Ausflüchten und Widersprüchen ein Drama für sich. Die Regisseurin sprach auch mit dem Stiefvater, dem Gwendolin vorwirft, sie missbraucht und an andere Männer verkauft zu haben. Ob das tatsächlich so gewesen ist, bleibt unklar. Ein Verfahren gegen die Eltern wurde eingestellt. ‘Was die Wahrheit ist, wird nie jemand erfahren’, sagt Middeke. ‘Was auch immer passiert ist – es hat Gwendolins Selbstwertgefühl zerstört. Aber sie hat um ihr Leben gekämpft’, sagt die Regisseurin, die das Mädchen bei einem Videoworkshop persönlich kennengelernt hatte. Ihre Dokumentation soll sensibilisieren und schafft das auch. ‘Man kann mehr wahrnehmen, aber man muss auch sehen wollen’, sagt Middeke.”